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3.9.2010 : 11:26 : +0200

Agroforstwirtschaft

 

Auch in Mitteleuropa waren Agroforstsysteme weit verbreitet. Als bekanntes Beispiel für traditionelle Agroforstsysteme seien Streuobstwiesen genannt, die früher auch in Kombination mit Ackerbau vorkamen. Im Zuge der Industrialisierung verschwanden viele der agroforstlichen Strukturen (z. B. Hecken). Produkte, wie beispielsweise Brennholz, Wildobst, Werkzeugstiele oder Weidenruten wurden nicht mehr verwendet, und die Gehölze standen der Mechanisierung im Wege. Als Folge verschwanden mit dem Verlust dieser sogenannten Nebennutzungen auch die dazu gehörigen offenen Gehölz-Landschaften. Damit kam es zu einer erheblichen Verringerung der Biodiversität, die bis heute anhält. Erst eine Wiedereinführung der Nutzung des Potentials von Bäumen und Sträuchern kann wieder zu ökologisch vergleichbaren Landschaften führen, die dauerhaft zu einer Erweiterung der Produktpalette für die Landwirtschaft sowie einer vielfältigen Biodiversität für die Gesellschaft beitragen.

 

Als dreidimensionale Strukturen, welche die Vertikale nutzen, sind die Vorteile von Gehölzen aus der Forschung an Hecken und Solitärbäumen gut bekannt. Die deutliche Erhöhung der Insektenvielfalt wurde beispielsweise durch Untersuchungen an Agroforstsystemen der Universität Leeds (GB) bestätigt. Dazu tragen neben den nutzungsbedingten Saumsteifen auch die differenzierten Licht-/Schattenverhältnisse und Mikroklimata bei.

 

Die vielfältigen genetischen Ressourcen der Gehölze werden in Deutschland kaum genutzt. Doch nur eine Nutzung kann - vergleichbar der Haltung von alten Nutztierrassen - zum dauerhaften Schutz beitragen. So werden heute die Pflegekosten für ökologisch wertvolle Gehölzbestände (Hecken, Kopfweiden, Streuobst, etc.) vom Naturschutz bezahlt, obwohl es sich um traditionelle Nutzgehölze handelt. Viele der potentiellen Produkte von Bäumen und Sträuchern werden importiert (z. B. Wertholz, Wildobst, Nüsse, Saatgut). Durch den Anbau in Agroforstsystemen könnten viele der Produkte wettbewerbsfähig angebaut werden, wie die Erfahrungen aus progressiven europäischen Ländern zeigen (England, Frankreich).

 

Die Mischkalkulation im kombinierten Anbau aus kurzfristigem Ertrag durch Ackerbau oder Weidewirtschaft und mittelfristigem Holzertrag macht diese Form der nachhaltigen Landnutzung rentabel, wie erst jüngst durch das EU-Forschungsprojekt ?SAFE? (Silvoarable Agroforestry For Europe) gezeigt werden konnte. Diese modernen Agroforstsysteme erreichen das heute übliche, hohe Ertragsniveau der modernen Landwirtschaft und übertreffen es teilweise sogar. Denn die Bäume und Sträucher, maschinengerecht angepflanzt (z. B. in Baum-Feld-Reihen), kombinieren zahlreiche ökologische und ökonomische Vorteile, wie z. B.

  • Verbesserung der ökonomischen Stabilität eines Betriebes durch Erweiterung der Produktvielfalt,
  • Biodiversitätssteigerung und -schutz,
  • Wind- und Erosionsschutz,
  • Schutz vor Nährstoffverlusten,
  • eine beträchtliche Senke für Kohlendioxid,
  • eine unvergleichliche Landschaftsästhetik,
  • gesteigerte biologische und damit wirtschaftliche Produktivität.

 

Zur modernen Gehölznutzung in Agroforstsystemen kommen hier insbesondere infrage:

  • Nutzung von Wertholz (v. a. Lichtbaumarten wie Speierling, Wildkirsche etc.),
  • Energieholz,
  • Fruchtnutzung (v. a. Wildobst) und
  • Gewinnung von autochthonem Saatgut (z. B. durch Agroforstsysteme am Klosterhof, Gangkofen/Bayern).

 

Moderne Agroforstwirtschaft war jedoch in Deutschland bisher kein Thema, denn

  • es gibt nur zersplitterte Einzelinitiativen und -aktivisten, die nicht koordiniert werden.
  • bisher sind die Rechts- und Förderbedingungen unklar und hemmend (s. u.).
  • es fehlen Informationen und Modelle.
  • es gibt eine Reihe von Vorurteilen.

 

Daher verwundert es nicht, dass bisher nur sehr vereinzelt wissenschaftliche Arbeiten aus dem deutschen Sprachraum zu diesem Thema vorliegen, in denen vorhandene Ergebnisse dargestellt werden. Die vorhandenen Erfahrungen stammen vielmehr aus anderen europäischen Staaten mit vergleichbarem Klima. Sie wurden wissenschaftlich bearbeitet und in Fachzeitschriften publiziert. Diese sind aber den potentiellen Nutzern, v. a. Landwirten, sowohl räumlich als auch bezüglich der Art der Publikation nur schwer zugänglich (Problem unterschiedlicher Vorgehensweisen und damit auch Sprachen in Wissenschaft und Praxis). Sie sind darüber hinaus nicht ohne weiteres in die konkrete Situation eines einzelnen Betriebes übertragbar und bedürfen zuvor des Wissenstransfers.

 

Die kritische Haltung einzelner Personen zur Agroforstwirtschaft liegt häufig im Informationsmangel - es mangelt oft an Kenntnis über die Wirtschaftlichkeit arbeitender Agroforstsysteme - oder in der Ablehnung von schlecht gestalteten Systemen begründet. Generell zu kritisieren wäre allerdings die Integration gentechnisch veränderter Bäume in Agroforstsysteme, denn u. a. sind die Gefahren von reinen Hybridpflanzungen (z. B. Schädlingsanfälligkeit) aus der Forstwirtschaft bekannt.

 

In Deutschland gibt es bis auf wenige Ausnahmen derzeit keine modernen Agroforstsysteme. Diese Ausnahmen betreffen v. a. Forschungsflächen eines jüngst begonnenen BMBF-Verbundprojektes mit den Teilprojekten Dendrom, Agroforst und Agrowood (TU Dresden, FH Eberswalde, Universität Freiburg u. a.). Doch der rechtliche Status von in der landwirtschaftlichen Praxis genutzten Agroforstflächen ist nicht zuletzt wegen der strikten Trennung von Land- und Forstwirtschaft bisher nicht eindeutig geklärt. Deshalb findet mit Ausnahme der regional unterschiedlichen Bezuschussungen im Bereich der historischen Streuobstsysteme auch keine Förderung von Agroforstwirtschaft statt.

 

Um gegen diesen Mangel vor zu gehen bedarf es der Einrichtung einer Koordinationsstelle für Öffentlichkeitsarbeit, Forschungskoordination, Politikberatung, Networking und Beratungsleistungen für die interessierte Praxis.

 

Eine Beratung für die Praxis wird im deutschsprachigen Raum bisher nur von Herrn Burkhard Kayser angeboten (vgl. www.agroforst.de).

 

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