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17.5.2012 : 13:09 : +0200

Erkenntnisse zur Verbeitung der Vogelgrippe (Geflügelpest)

15.03.2006

Erkenntnisse zur Verbeitung der Vogelgrippe (Geflügelpest)

1.         Vogelgrippe ? was ist das?

Aviärer Influenzavirus (Tel. Auskunft Prof. Bairlein, 14.03.06, vgl. auch www.vogelwarte-helgoland.de)

Seit langem ist bekannt, dass Wildvögel aviäre Influenzaviren in sich tragen. Sie bilden dafür quasi ein natürliches Reservoir. Der sogenannte H7-Typ führte 2003 in Holland zu einem großen Hühnersterben bzw. ?keulen. Aktuell ist ein spezieller Fall der sogenannten H5-Linie in die Schlagzeilen geraten ? H5N1. Dieser kann wohl leichter als der H7-Typ mutieren und dann bei entsprechend engem Kontakt mit Vögeln auf den Menschen übertragen werden. H5N1 war seit langem als niedrig pathogene Variante in Wildvögeln bekannt. Seit 1997 ist jedoch eine hoch pathogene Variante von H5N1, der sog. Asia-Typ, in Südost-Asien gefunden worden. Seitdem wurden dort ca. 150 Mio. Vögel gekeult oder sind daran verstorben. Allmählich verbreitete sich diese Variante westwärts und wurde inzwischen auch in Tieren auf Rügen gefunden. Auch für Frankreich ist ein Fall bekannt geworden.

 

 

2.         Vektoren der Verbreitung

Doch wie fand die Verbreitung westwärts statt? Hier streiten sich die Experten noch, ebenso wenig ist der Grad der Durchdringung der Wildvögel mit dem Virus bekannt. So wurden beispielsweise in China im Frühjahr 2005 beim Test von über 11.000 Vögeln nur 6 Infektionen festgestellt.

Daher werden derzeit mindestens zwei Wege der Infektion als möglich angesehen. Deren paralleles Auftreten ist sehr wahrscheinlich, wenn man die Verbreitungsmuster weltweit betrachtet:

1.       Durch Tiere: Vogelzug infizierter Tiere (nach Deutschland vermutlich schon durch den Zug im Herbst 2005, da Anfang 2006 kein Vogelzug aus Infektionsgebieten stattfand). 2005 waren Beprobungen nur in geringer Zahl und v. a. an nach heutigem Wissen wenig betroffenen Arten durchgeführt worden, weshalb der Virus damals nicht auffiel. Das bedeutet, dass infizierte Wildtiere mit dem hoch pathogenen Virus überleben können. Derzeit herrscht auf Rügen - wie in ganz Europa - eine natürliche Wintersterblichkeit bei Vögeln aufgrund von Schwächung durch z. B. Nahrungsmangel nach dem langen Winter. Es wird vermutet, dass geschwächte Tiere sterben, den Virus teilweise in sich tragen, aber nicht am Virus selbst gestorben sein müssen. Als mögliche Todesursache käme auch die Kombination von Virus und widrigen Lebensbedingungen in Frage (vgl. auch WDR-5 Interview Morgenecho mit Prof. Bairlein, 24.2.05). Bisher werden in ganz Europa keine ungewöhnlich hohen Sterberaten beobachtet. Inzwischen wird der Verdacht als wahrscheinlich angesehen, dass nicht Zugvögel, sondern infizierte Stockenten der wesentliche Verbreitungsvektor westwärts waren bzw. sind: Sie ziehen zwar nicht, können aber durch ihre weite Verbreitung einen räumlichen Kaskadeneffekt bewirken.

2.       Anthropogen: Legaler, v. a. aber illegaler und privater Handel und Tourismus. Das heißt legaler Handel mit Vögeln und von Vögeln stammenden Produkten sowie illegale Importe, Personen- und Fahrzeugverkehr: Die Verbreitung des Virus` von Ostanatolien nach Instanbul Anfang 2006 z. B. fand in einer Zeit ohne Vogelzugeschehen statt - ganz im Gegensatz zu Legalem, illegalem und privatem Warenaustausch. Darüber hinaus werden weltweit Millionen von Hühnchen und angebrütete Eier für die kommerzielle Tierhaltung verschickt.

3.       (Anthropogen beschleunigter) Zufall: Durch andere Tiere: Wenn ein Marder nachgewiesenermaßen an dem Virus in Deutschland gestorben ist, der Virus aber möglicherweise seine Opfer nicht (alle) sofort oder manche vielleicht gar nicht tötet, könnten auch Fälle interessant werden wie der gerade öffentlich gewordene einer Katze, die  eine fünfwöchige Reise aus Belgien nach Kalifornien in einem Container mit Antiquitäten überlebt hat.

 

Von offizieller Seite wird aktuell Variante 1 mit allen Folgen für die kommerzielle Geflügelhaltung vertreten (Stallhaltung, Keulung in Verdachtsfällen etc.). Dies führt dazu, dass die möglichen anthropogenen Verbreitungswege zu wenig oder keine Beachtung bei der Konzeption von Gegenmaßnahmen erfahren.

 

 

 

3.         Übertragung der Vogelgrippe

Das Virus findet sich in Sekreten der Atemwege der Vögel. Die Übertragung findet durch Inhalation virushaltiger Staubteilchen statt (Tröpfcheninfektion). Es ist aber vor allem im Kot infizierten Geflügels konzentriert und kann daher wohl auch durch das Fressen von Kot anderer Tiere übertragen werden. Vogelkot wird darüber hinaus in großem Ausmaß zu Dünger verarbeitet und in Fisch-, Schweine- und Geflügelfutter umgewandelt. Für den asiatischen Raum scheinen diese Zusammenhänge belegt zu sein, für Europa bisher nicht. (Die Übertragung auf den Menschen ist sehr unwahrscheinlich und nur durch direkten Kontakt im oben genannten Sinne möglich.)

(vgl. http://www.auswaertiges-amt.de/www/de/laenderinfos/gesundheitsdienst/merkblatt/vogelgrippe_html sowie tel. Auskunft Prof. Bairlein, Vogelschutzwarte Helgoland)

 

 

4.         Unterschiedliche Stärken der pathogenen Reaktion auf das Virus

Man weiß, dass Wild- und Hausvögel bzw. ?hühner unterschiedlich stark ausgeprägte Immunsysteme haben. I. d. R. sind Wildformen widerstandsfähiger als Zuchtformen, die noch dazu in künstlich gestalteten Umwelten gehalten werden (Stallung etc.). Die Wildformen der Stockente können z. B. mindestens 3 Wochen mit dem pathogenen H5N1-Virus - gesund und vital aussehend - überleben. In dieser Zeit sind sie jedoch bereits infektiös für andere Vögel.

 

 

5.         Was bedeutet all dies nun für den ökologischen und speziell biologisch-dynamischen Landbau?

1.       Prüfung der Kontaktsperre bei Freilandhaltung: Da durch unterschiedlich stark ausgeprägte Immunsysteme die Übertragung von Wild- auf Hausgeflügel zu hohen Sterbe- und Infektionsraten mit Kaskadeneffekt führen kann, und da weiterhin Wild- und Zugvögel als ein Übertragungsweg nicht ausgeschlossen werden können, muss geprüft werden, ob Kontakt zwischen Haus- und Wildgeflügel bei Freilandhaltung garantiert vermieden werden kann. Dies gilt v. a. bei Enten- oder Gänsehaltung mit Zugang zu natürlichen Gewässern. In kühlen Gewässern kann das Virus einige Tage lang virulent überleben, tritt dabei aber nur in sehr geringer Konzentration auf (was eine Möglichkeit der Infektion auf Rügen erklären könnte: Das Eisloch im Bereich der Wittower Fähre sammelte viele Vögel um sich). Wenigstens für den größten Teil des Geflügels, das keinen Wasserkontakt hat, nämlich die Hühner, wäre dies zu prüfen (z. B. das Risiko von Koteintrag aus der Luft).

2.       Monitoring unterstützen: Da der derzeitige Durchseuchungsgrad der Wildvögelpopulationen bisher nicht genügend bekannt ist, dieses Wissen aber vermutlich für Wahrscheinlichkeitsaussagen zur Infektionsmöglichkeit bei Freilandhaltung nötig ist, sollte der ökologische Landbau einen Schulterschluss mit z. B. der ornithologischen Gesellschaft und anderen Gruppen suchen, die für die wissenschaftliche Untersuchung des Durchseuchungsgrades die Bereitstellung finanzieller Mittel fordern.

3.       Impfen: Es ist zu prüfen, inwieweit Impfungen eine Rückkehr zur Freilandhaltung ermöglichen würden. Die hierbei widersprüchlichen Meinungen und Empfehlungen von offizieller Seite gilt es abzuwägen (Impfgegner argumentieren, die Impfung maskiere Ausbrüche.

4.       Von offizieller Seite sollte eine differenzierte und sachliche Öffentlichkeitsarbeit gefordert und selbst auch betrieben werden: Am Beispiel des jüngsten Verdachtsfalles in Bayern, der sich als negativ herausstellte, sieht man, dass eine aufgeregte Informationspolitik zu nichts führt. Vielmehr sollten die komplizierten und teilweise noch nicht aufgeklärten Fakten der Verbreitung differenziert betrachtet werden, anstatt den Vogelzug an sich verantwortlich zu machen oder adhoc frei zu sprechen. Hinzu kommen leider eine Reihe von Gruppen bzw. Institutionen, die bewusst die Angst schüren und daran verdienen (Hersteller von patentgeschützten, angeblich wirksamen Medikamenten, Geräten, die Vögel vertreiben sollen, angeblich schützenden Nahrungsmitteln und Atemmasken).

5.       Schließlich sollte nicht vergessen werden, dass wir es hier - trotz aller Ängste - mit Lebewesen zu tun haben, die wir scheinbar ohne Gefühlsprobleme "keulen" - wir sprechen ja ungern öffentlich von "töten". Das geht räumlich berenzt bis hin zur Vernichtung von Nestern bestimmter Wildvogelarten.

 

 

Quellen:

  •      Telefonische Auskunft Prof. Bairlein, Vogelschutzwarte Helgoland und Präsident der Deutschen Ornithologischen Gesellschaft)
  • Friedrich-Löffler-Institut: 

           http://www.fli.bund.de/fileadmin/user_upload/Dokumente/News/av_Influ/rb_influenza060214.pdf

  • Auswärtiges Amt:

           http://www.auswaertiges-amt.de/www/de/laenderinfos/gesundheitsdienst/merkblatt/vogelgrippe_htm


von Dr. G. Eysel-Zahl, Bereich Wissenstransfer